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Gewebter Luxus – Tapisserien aus Beauvais und Würzburg

interner Link Eine Beschreibung der einzelnen Teppiche (mit Bilder-Zoom) finden Sie hier.

 

 

 

 

Bild: Ausschnitt aus der Tapisserie "Der Kaiser auf der Reise"

Ausschnitt aus der Tapisserie "Der Kaiser auf der Reise"

 

 

In drei Räumen der Residenz Würzburg werden Tapisserien der französischen Manufaktur Beauvais und der Würzburger Manufaktur Pirot präsentiert und erläutert. Diese gewirkten Bildteppiche des frühen 18. Jahrhunderts zeigen Szenen vom chinesischen Kaiserhof sowie Szenen aus Venedig mit Figuren der "Commedia dell’arte".

Alle ausgestellten Behänge wurden in den letzten Jahren aufwendig gereinigt und restauriert. Ihre Farbenpracht und die Feinheit der Textur kommen nun wieder zur Geltung. Die drei neu gezeigten Tapisserien der "Commedia dell’arte" -Folge, darunter eine Neuerwerbung, werden die Residenz Würzburg dauerhaft bereichern.

 

 

Tapisserien: Bilder aus Wolle und Seide

Als Tapisserien werden Wandteppiche mit Bilddarstellungen in einer besonderen Webtechnik bezeichnet. Kartons im Maßstab 1:1 nach Entwürfen von Malern dienten als Vorlagen. Ihre Umsetzung in die textile Komposition erforderte von den Wirkern große handwerkliche und künstlerische Meisterschaft.

Im 17. und 18. Jahrhundert waren Tapisserien, die zu den kostspieligsten Kunstwerken gehörten, unabdingbarer Teil der Raumausstattung reicher Bürgerhäuser wie fürstlicher Residenzen. Da ganze Zimmer oder Raumfluchten damit ausgekleidet wurden, fertigten die Manufakturen selten Einzelstücke, sondern meist Folgen aus mehreren Behängen. Diese textilen Kunstwerke wurden in der Regel sorgsam verwahrt und nur zu festlichen Anlässen als Raumdekoration montiert.

Chinamode

 

Bild: Ausschnitt aus der Tapisserie "Das Frühstück der Kaiserin"

Ausschnitt aus der Tapisserie
"Das Frühstück der Kaiserin"

China war Anfang des 18. Jahrhunderts – von Europa aus gesehen – eine noch weitgehend unbekannte, geheimnisumwitterte und exotische Welt. Bildliche Darstellungen chinesischen Lebens waren rar, begehrt – und oft phantasievoll erfunden.

Die Berichte jesuitischer Missionare, zeitgenössische Reisebeschreibungen sowie die Importe durch die Ostindischen Handelskompanien weckten seit etwa 1650 in Europa ein verstärktes Interesse für fernöstliche Kultur.

Dekors im Chinageschmack, sogenannte "Chinoiserien", kamen bald in nahezu allen künstlerischen und kunsthandwerklichen Gattungen zur Anwendung. Am beliebtesten waren Keramiken, Lackarbeiten sowie Tapeten.

 

 

Die China-Folge der Manufaktur Beauvais

Während die königliche Tapisserie-Manufaktur in Paris ("Les Gobelins") vor allem für den Hof produzierte, bediente die 1664 gegründete Manufaktur in Beauvais die reiche Privatkundschaft.

Um 1686–1690 kreierte Beauvais mit der Folge "Szenen aus dem Leben des Kaisers von China" einen großen Verkaufserfolg. Diese "tenture chinoise" war zugleich die erste Tapisserien-Folge, die der exotischen Welt Ostasiens gewidmet war. Sie konnte bis zu neun Szenen umfassen.

 

 

Bild: Ausschnitt aus der Tapisserie "Die Astronomen"

Ausschnitt aus der Tapisserie "Die Astronomen"

Aus der sechsteiligen Münchner Folge, die um 1720-1730 entstand, werden hier "Das Frühstück der Kaiserin" und "Der Kaiser auf der Reise" gezeigt. Das aus der Residenz Bamberg stammende Exemplar "der Astronomen" war später von Andreas Pirot vergrößert worden.

Andreas Pirot und die Würzburger Manufaktur

 

Bild: Ausschnitt aus der Tapisserie "Chinesische Hochzeit"

Ausschnitt aus der Tapisserie
"Chinesische Hochzeit"

Der 1720 begonnene Bau der Würzburger Residenz zog Künstler aus ganz Europa an. Eine eigene Wirkteppich-Manufaktur des Hofes sollte Kosten sparen. Unter der Leitung des in Frankfurt geborenen Andreas Pirot (1708-1763) produzierte sie von 1728 bis 1749 Tapisserien und Möbelbezüge für die fürstbischöflichen Schlösser in Franken.

Insgesamt stellte die Würzburger Manufaktur etwa 25 Tapisserien, 15 Anstückungen an Tapisserien sowie rund 100 Bezüge von Sitzmöbeln her. Im Besitz der Bayerischen Schlösserverwaltung haben sich davon erhalten: 14 Möbelbezüge, etliche Anstückungen sowie sieben ganze Tapisserien.

Zu letzteren gehören die beiden Würzburger "Commedia dell’-arte"-Folgen mit je drei Stücken sowie die Tapisserie "Chinesische Hochzeit" aus der Neuen Residenz Bamberg.

 

 

Die erste "Commedia dell’arte"-Folge

Zur Ausstattung der südlichen Kaiserzimmer in der Residenz Würzburg hatte Fürstbischof Friedrich Carl von Schönborn (reg. 1729-1746) im September 1740 seinem "Tapetenwürcker Pirot die neue Verfertigung deren Tapeten der Italiänischen Comediae gnädigst aufgetragen".

 

Bild: Ausschnitt aus der Tapisserie "Das Gastmahl im Freien"

Ausschnitt aus der Tapisserie
"Das Gastmahl im Freien"

Als Motive für diese drei Wirkteppiche waren Szenen mit Figuren aus der volkstümlichen italienischen Improvisationskomödie, der Commedia dell’arte, ausgewählt worden. Ein Gastmahl im Freien, ein Maskenzug auf dem Markusplatz und eine Festtafel im Kiosk zeigen vor dem Hintergrund venezianischer Bauwerke jeweils das muntere Treiben einer Menschenmenge, die den traditionellen Theaterrollen entsprechend kostümiert ist. 1745 waren diese drei Tapisserien, die alle das Schönbornwappen tragen, in dem "neyen schlaffzimmer" montiert. Nach deren Darstellungen wird der Raum seither "Venezianisches Zimmer" genannt.

Die zweite "Commedia dell’arte"-Folge

Nach den drei Tapisserien für das Venezianische Zimmer hat Andreas Pirot noch weitere Stücke der Commedia dell’arte-Folge angefertigt. Wie viele insgesamt, ist ungeklärt. Vermutlich gab es sowohl in der Residenz noch eine weitere Serie, als auch im Sommerschloss Werneck. Bis heute erhalten und bekannt sind davon bisher nur die drei Exemplare.

Bild: Ausschnitt aus der Tapisserie "Pantalone und Doctor Baloard"

Ausschnitt aus der Tapisserie
"Pantalone und Doctor Baloard"

Der Maskenzug auf dem Markusplatz und das Gastmahl im Freien variieren die Motive der ersten Folge nur leicht. Von 1921 bis 2005 waren sie in Schloss Veitshöchheim montiert, allerdings durch eingenähte Falten verkürzt und zudem inzwischen stark verschmutzt. Die schmale dritte Tapisserie, die Pantalone und Doctor Baloard zeigt, konnte von der Bayerischen Schlösserverwaltung neu erworben werden. Als zusammengehörig erweisen sich diese drei Tapisserien dadurch, dass alle das Wappen des Würzburger Fürstbischofs Carl Philipp von Greiffenclau (reg. 1749-1753) tragen. Bei der Restaurierung des Gastmahls im Freien kam jedoch zutage, dass dort zunächst das Wappen seines Vorgängers, Anselm Franz von Ingelheim (reg. 1746-1749), eingewebt und später überdeckt worden war. Dadurch lässt sich der Herstellungszeitraum enger auf um 1749/50 eingrenzen.

Die "Kartons" des Hofmalers Scheubel

 

Bild: Vergleich Tapisserie und Entwurf

Der Markusplatz,
links als Ölgemälde von J. J. Scheubel,
rechts auf der Tapisserie "Maskenzug
auf dem Markusplatz"

Als Vorlage für die Wirker mussten die Motive einer Tapisserie zunächst von einem Maler entworfen werden. Der ausgewählte Entwurf wurde dann in Größe der herzustellenden Tapisserie und in der gewünschten Farbigkeit gemalt. Diese 1:1 Vorlage hieß "Karton", da sie oft aus diesem Material bestand. Sie konnte aber auch als Ölgemälde auf Leinwand ausgeführt sein. Der Karton wurde am Flachwebstuhl (basse lisse) direkt unterhalb der Kettfäden angebracht. Den Wirkern selbst war, damit sie die Enden der eingezogenen Schussfäden versorgen konnten, bei der Herstellung stets die Rückseite der Tapisserie zugewendet. Wenn daher ein Motiv auf der Tapisserie seitenrichtig erscheinen sollte, musste es der Karton seitenverkehrt vorgeben.

 

 

Bild: Ausschnitt aus der Tapisserie "Der Maskenzug auf dem Markusplatz"

Ausschnitt aus der Tapisserie "Der Maskenzug auf dem Markusplatz"

Originale Kartons, die eigentlich Verbrauchsmaterial waren, sind uns kaum überliefert. Es ist daher ein Glücksfall, dass das Teilstück eines von dem Bamberger Hofmaler Johann Joseph Scheubel d.Ä. (1686-1769) um 1739/40 für die Tapisserie Maskenzug angefertigten Kartons im Mainfränkischen Museum Würzburg erhalten ist. Weitere Teile seiner Entwürfe für die Commedia dell’arte-Folge befinden sich im Museum von Hartford/Connecticut.

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