Das Innere der Hofkirche der Residenz Würzburg wird in den nächsten drei Jahren grundlegend restauriert. Während der Restaurierungsmaßnahmen in der Hofkirche mussten die Altarbilder der Seitenaltäre ausgebaut werden. Die beiden Meisterwerke von Giovanni Battista Tiepolo, der "Engelssturz" und die "Himmelfahrt Mariae" werden vom Staub der letzten Jahrzehnte befreit und sind erst ab der Wiedereröffnung der Hofkirche Ende September 2012 wieder zu besichtigen.
In nur zwei Monaten, im Januar und Februar 1752, malte Giovanni Battista Tiepolo die beiden großformatigen (570 x 250 cm) Ölgemälde auf Leinwand. Sie waren seine Winterbeschäftigung, weil es für Arbeiten an den Fresken des Kaisersaals zu kalt war. Seitdem sind sie in vergoldeten Stuckrahmen über den marmornen Altarmensen an den Seitenwänden der Hofkirche angebracht, dem Ort, für den sie gemalt wurden.
Diesen angestammten Platz haben sie jetzt erst zum dritten Mal in ihrer Geschichte verlassen. Nach der Auslagerung im 2. Weltkrieg wurden sie 1960 zum ersten Mal ausgebaut und 1961-63 in den Werkstätten des Doerner-Instituts der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in München restauriert. Damals wurden die Gemälde "doubliert": Die Gemäldeleinwand wurde mit einer Wachsmischung auf eine zweite Leinwand geklebt. Diese zog man auf neue hölzerne Spannrahmen auf, die auf der Rückseite mit einem Eisenstützgestell und vielen kleinen Spannvorrichtungen am Rand versehen wurden. Durch diesen Eingriff hat sich das ursprüngliche Gewicht der Gemälde um ein Vielfaches erhöht.
Die beiden ebenso großen wie wertvollen Kunstwerke zogen nun wegen der Restaurierung der Hofkirche in die Staatsgalerie um. Ihr Ausbau, Transport und Wiederanbringung verlangte höchsten Anspruch an Vorplanung und Durchführung von allen Beteiligten (Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Schloss- und Garten-Verwaltung Würzburg, des Restaurierungszentrums der Bayerischen Schlösserverwaltung in München, des Staatlichen Bauamtes Würzburg, und einer Spezial-Gerüstbaufirma aus Schweinfurt). Dank einer ausgeklügelten Gerüststellung mit Laufkatze und Seilzügen konnten die geschätzt fast 5 Zentner wiegenden Gemälde sicher von der Wand genommen und auf den Boden der Hofkirche gelegt werden. Acht Personen waren nötig, um sie von dort über das große Treppenhaus Balthasar Neumanns an ihren temporären Ausstellungsort zu tragen.
Tiepolos leuchtendes Kolorit ist nach Entfernen der fast 50jährigen Verschmutzung wieder besser sichtbar. Auch eine tiefere Anbringung als in der Hofkirche ermöglicht ein genaueres Studium der Gemälde.
Ohne rahmendes Beiwerk und nicht als Teil des Gesamtkunstwerks Hofkirche, zeigen die Gemälde jetzt ganz pur Tiepolos unerhörte Kunstfertigkeit und genialen Umgang mit dem Medium der Ölmalerei, seine Meisterschaft in Farbsetzung und Materialimitation durch variierenden Pinselduktus und Farbauftrag.
Bettina Schwabe
Mitarbeiterin des Restaurierungszentrums der Bayerischen Schlösserverwaltung